Lebenskrisen und Übergänge
Wenn der Boden unter den Füßen weich wird
Warum Übergänge im Leben notwendig und schmerzhaft zugleich sind – und wie aus einer Krise neuer Halt entstehen kann.
Eine Lebenskrise entsteht, wenn ein Mensch Ereignisse über einen längeren Zeitraum nicht mehr sinnvoll in sein bisheriges Weltbild einordnen kann – das Gleichgewicht, das bislang Stabilität gab, ist verloren gegangen, sei es durch Verlust, Veränderung oder eine neue Lebensphase (Hoffmann & Hofmann, 2017) [1]. Fachlich wird dabei häufig von Anpassungsstörungen gesprochen, deren Verlauf typischerweise durch mehrere Phasen geprägt ist: von einer ersten Erschütterung über eine Phase der inneren „Abrüstung“ – also der Loslösung von alten Vorstellungen – bis zur allmählichen Hinwendung zu neuen Perspektiven [1].
Ein eindrückliches Bild liefert die Vorstellung von Übergängen als „weichem Grund“: Beim Wechsel von einer Lebensphase in die nächste trägt der sichere Boden der alten Ordnung nicht mehr, ein neuer ist noch nicht gefunden [2]. Entscheidend ist dabei nicht die objektive Schwere des Ereignisses, sondern die subjektive Einschätzung, ob eine Bewältigungsstrategie zur Verfügung steht oder nicht. Wer eine Lösung sieht, erlebt Herausforderung; wer keine sieht, erlebt Krise.
Systemisch betrachtet sind Lebenskrisen fast immer eingebettet in Beziehungsgefüge: Der Verlust eines Partners, eine Trennung, der Auszug der Kinder oder ein Berufswechsel verändern nicht nur die betroffene Person, sondern das gesamte soziale System um sie herum – mit Rückwirkungen auf Rollen, Erwartungen und Kommunikationsmuster innerhalb der Familie oder des sozialen Netzes. Resilienzforschung zeigt, dass gerade der bewusste Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen entscheidend dafür ist, ob eine Krise zum Anlass für Entwicklung wird (Welter-Enderlin, 2006) [3].
In der Beratung geht es deshalb darum, die Krise zunächst als das anzunehmen, was sie ist – nicht als Katastrophe, sondern als Übergang mit eigener Dynamik –, die eigenen Ressourcen und das unterstützende Umfeld sichtbar zu machen und Schritt für Schritt neue Orientierung zu entwickeln.
Quellen
- 1. Hoffmann, S. O. & Hofmann, M. (2017). Anpassungsstörung und Lebenskrise. Beltz.
- 2. Lewins Feldtheorie, zit. nach Engelmann, B. (2019). Therapie-Tools Resilienz (2. Aufl.). Beltz.
- 3. Welter-Enderlin, R. (2006). Resilienz aus der Sicht von Beratung und Therapie. In R. Welter-Enderlin & B. Hildenbrand (Hrsg.), Resilienz – Gedeihen trotz widriger Umstände. Carl-Auer.